Im Angesicht des Wolfes und dann nach Polen

In den letzten Tagen habe ich es wieder gemerkt: große Menschenmassen auf der Suche nach Ablenkung und Entertainment sind nicht meins. Es macht mich fast panisch. Nicht wegen eines gestiefelten Virus, eher wegen diesem Getriebensein und Nieankommen bei sich. 

So ging es die letzten Tage damit auf und  ab. Aus Glowe vom Hafen weggefahren, alles wieder proppenvoll mit Autos und Menschen bis runter nach Groß-Zicker, wo ich ein idyllisches Reethausdörfchen besuchte, was einen „Hafen“ hat mit genau 2 Segelbooten und einem Ruderboot. Wenn er nicht mit einem Holzschild markiert wäre, hätte ich ihn gar nicht gefunden. Alles voller Ferienhäuschen. Eine Gasstätte, der Flammkuchen kostet 15 Euro. 

Ich fahre wieder zurück. Nachdem die Fahrt hierher ein sich bewegender Stau war, bin ich jetzt voll und leer gleichzeitig. Ich fahre nach Ralswiek auf den WoMo-Stellplatz der Festspiele STÖRTEBEKER „Im Angesicht des Wolfes“. Ich freu mich wie ein Kind auf die Vorstellung, bin ganz aufgeregt, ob das mit der Karte auch klappt. Parke meinen Bus neben bissle muffeligen Berlinern, die meine Aufregung gar nicht verstehen können. Ist den Leuten alles so selbstverständlich geworden oder bin ich einfach zu nervös? Ich packe alles schon mal in den Rucksack: Handtuch, Trinkflasche, Regencape, Ersatzhose, Langarmpulli….erwarte ich Wintereinbruch?

Und dann Hund angeleint und durch den Wald runter zum Festspielplatz. Wer weiss, ob ich im Leben nochmal herkomme? Wir wissen derzeit nicht mehr, was morgen ist. 

Chai hechelt mit mir mit, ist genauso aufgeregt. Steuere zielgenau auf die Kasse zu und JAWOHL, bekomme die Karte!! Hurra! 

Wollen Sie auch noch ein Programm?

Ja.

Kostet vierfuffzich.

Gut, egal, will die Geschichte genau lesen, die heute gespielt wird. Dann schlendere ich durch Würstchenbuden, Eisdielen und an den Bodden runter vorbei an Brombeersträuchern, die noch proppenvoll hängen. Ich zupfe sie mir in die Backen. 

Eine entspannte Atmosphäre: Menschen dürfen einfach Menschen sein, liegen im Gras, Kinder ärgern Möven und ich setze mich mit einem Sanddorneis mitten rein und schaue einfach den Leuten zu, höre fast nur Ostdialekte, ganz andere Stimmung. Finde das mega.

Dann lese ich im Programm: Vorher gibt es eine Falknerschau für die, die Karten haben! Ab die Post zurück an die Kasse gehechtet. Chai hinterher… Gerade noch rechtzeitig, der Falkner hat schon angefangen. Ich rein in die Kulissen, da fliegt auch schon ein Falke dicht über meinen Kopf. Bin schwer beeindruckt von den Vögeln, dem Wissen vom Falkner und der Weite der Bühne. Er erklärt den Unterschied im Sehen, Fliegen und Jagen von Falken, Habichten, Adlern und Eulen. Und jedes der edlen Tiere fliegt von der Hand seiner Frau dicht über unsere Köpfe hinweg, edel und elegant. Ich habe wieder Tränen in den Augen. Bin ich wirklich hier? 

Chai interessiert sich gar nicht für die Vögel, eher für die restlichen Popcorn von gestern abend.

Der Falkner sagt auch, dass Windkrafträder Vogelschredder und Insektenkiller sind, dass das ganz schlimm ist für den Bestand. Hört das jemand?

Soll ich Falknerin werden??

Mir fällt ein: ich wollte ein T-Shirt mit der Auffschrift: „Gottes Freund und aller Welt Feind“ das Motto der Getreuen von Klaus Störtebeker. 

Nur Gott verpflichtet, sich nicht von der Welt abhängig machen. Mein Spruch. 

„Das Shirt muss erst gedruckt werden“ sagt die Dame hinter der Kasse. Sowas! Ja dann, bitte eins für eine Dame und eins für einen Herrn. 

In der Pause könne ich es holen.

Prima. Ich mach jetzt einen auf Festivalklassiker und hol mir ein Lewitzer  Bier, setze mich einfach auf einen Stein und höre dem Sprachengewirr zu, sehe in die gespannten Gesichter und geniesse es Mensch sein zu dürfen. Mittendrin. Diesmal macht es mir nichts aus. Im Gegenteil. Wodran liegt das? 

19.00, es geht los!! Sitze mit dem Kleinen am Rand, damit ich jederzeit weg kann. Es sprengen 4 Reiter im Galopp auf die Bühne, das geht den ganzen Abend so: Reiter, Kutschen, Kühe, ein Esel…. Eine Wahnsinnskulisse vor dem Jasmunder Bodden, auf dem 3 Hanse-Koggen hin – und herfahren, später werden sie auch noch „versenkt“ und angezündet. Es kommt zu Explosionen, Bergen wird abgefackelt, es wird sich mit Schwerten bekämpft und es wird gestorben. Das Mädchen neben mir auf dem Schoß seiner Mama ist ganz aufgeregt:

„Der ist aber jetzt nicht in echt tot? Und die Stadt ist in echt kaputt?“ Sie fiebert mit und hält sich bei dem Geböller die Ohren zu. 

Die Geschichte selbst ist aktueller denn je: Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit, Vogelfreiheit für die Kämpfer und Kaperer, es kommt zu Verrat und Hinterlist durch Fürsten und geizige Handelsleute…..alles wegen Geld und Macht. Eine Heilerin wird der Stadt verwiesen und wird zum fahrenden Volk, weil sie sich nicht an die Gepflogenheiten der Zeit hält. Heute wundert man sich darüber oder ist entsetzt. Wann werden Menschen über unsere heutigen sog. Gepflogenheiten spotten? 

Es ist wie Immer. 1348 wie heute. 

Wird sich die Menschheit je ändern? Ich brauch nach der Pause das T-Shirt auf dem Leib….

Erst mal – so eine blöde Idee – durch die Menge an die Kasse fräsen, mit Hund…. und dann stehe ich an der Kasse, sie reicht mir nach 10 Minuten die Hemden: „Sind noch warm“ hä? Wie in der Bäckerei….

Ich ziehe meins drüber und schiebe mich wieder auf meinen Platz 41, 99. LInks aussen. 

Es ist dunkel und das Bühnenbild jetzt noch imposanter…. Leute: ich schreib da jetzt nix mehr zu. Geht hin…! Es lohnt sich. 

Am Ende gab es noch ein Feuerwerk, war wahrscheinlich imposant, ich war mit Chai beschäftigt, ihm die Ohren zuzuhalten und ihn hinter die letzte Reihe zu schleppen. 

Gottseidank machen die ein ganz klassisches Feuerwerk und scheren sich nicht an Gedöns wie bei uns im Westen.

Mit Musik aus Piraten der Karibik schieben sich die Menschen zurück auf die Parkplätze. So muss Leben sein. DA habe ich es genossen, mittendrin zu sein. Atmosphärisch dicht, wie tausende durch den dunklen, staubigen Wald zum Parkplatz wandern, über und zwischen uns liegt eine Sommerstaubschicht. 

Auf dem Parkplatz angekommen ein Bild, was ich schon lange nicht mehr gesehen habe: hunderte von Autolichter, die ausparken, in der Schlange stehen, und die Camper sitzen vor ihren Wägen, ich auch, mit Bier in der Hand und lachen und lassen den Abend ausklingen.

Ich hab vielleicht gut geschlafen!!!

Und am nächsten Tag: Usedom, ich hatte Rügen per Fähre verlassen, nachdem ich noch in dem mondänen Putbus war. Strahlend weiss, nicht meins. Viel zu perfekt und geleckt. 

Achja Fähre: das ist der neuste Aufreger: mein Autoschlüssel  hakelt. Ich muss oft ein paar Mal probieren, bis der Schlüssel sich dreht. Jetzt stehste mal auffer Fähre. Auto aus. Ankommen: Alle wollen runter und Dein Auto kannste nicht starten. Glaubt Ihr: ich war total aufgeregt. Am liebsten hätte ich es durchlaufen lassen. Aber Gebet und er ging an….. puhhhhh!

Usedom stellt sich als doofe Idee heraus, weil: alles voll mit Touris, mit Dinopark und Fastfood oder Edelmeile mit Edelgastro und Edelstrand, wo ich mit Hund nicht hindarf, noch nichtmal gucken. Und alles durchgeregelt und durchgeschildert, wie aus dem Ei gepellt. Das war vor 20 Jahren noch ganz anders. Shabby ist eher meins.

In Ahrensfeld hatte ich angehalten und dort entschieden: hier übernachte ich nicht! Ich fahr nach Polen, da muss es besser sein, war es auch erst. Swindemündener Hafen.

Da sagte die App mir einen guten Standplatz voraus. Stimmte auch.

Zwischen Yacht- und Frachthafen der Camperplatz. Lauter tiefenentspannte Leute, gleich neben mir ein Pärchen aus Köln, wir waren uns auf Anhieb sympathisch und haben dann bei Bier und Wein den ganzen Abend geklönt.

Vor uns war irgendeine Segelregatta, dauernd wurde ein hereinkommender Segler begeistert empfangen mit Tröten und Gejohle, und hinter uns lief – die ganze Nacht!!! – ein dicker Dieselfrachter und es schwebten Mega-Schiffe majestätisch vorbei. Das hat mir nichts ausgemacht. Das gehört zum Leben dazu. Vorn Freizeitsegler, hinten Arbeitsschiffe. So ist das nun mal hier auf dem Planeten.

Frank gab mir den Tip mit einem Campingplatz an der Ostsee und ich fuhr los, nahm auch die von ihm empfohlene Fähre (danke, Frank und Heike! Die hätte ich alleine nicht gefunden) und das hat super geklappt. Allerdings hatte ich wohl mit meiner App eine Strecke danach ausgesucht, die mich entlang einer Ostseedauerfeiermeile führte, alles voll mit Zirkus, Hüpfburgen, Animation, MCD und hastenicht gesehen. In Polen!?!?!?!? Jawohl, ist hier angekommen. Leider. Der Campingplatz war eine gute Empfehlung, sauber, nett, Hunde kein Problem. 

Nach dieser Fahrt durch gefühlt tausende von Menschen in Ablenklaune legte ich mich eine Stunde einfach in den Sand der Ostsee in dem Bewusstsein, dass ich so schnell nicht wieder hier sein werde.

Das waren drei Tage unterschiedlichster Eindrücke. 

Wo ist das alte Gewerke geblieben? Wo ist die Zukunft für Deutschland? Hast recht Frank, das kam kaum noch vor, weil es eben kaum noch vorkommt. In MVP ist es noch zu finden. 

Ihr könnt mir auch Vorschläge senden!

Auf dem Land wird es sich weiterentwickeln, in kleinen Gemeinschaften. Da werden sich Störtebekers und sonstige Maskenmänner (der Held der Müritz-Saga) finden und Vogel-frei leben.

Die Städte werden immer mehr Menschen beherbergen, die keine Störtebekers sind, die eher angepasst sind und nicht auffallen wollen. Die nicht für Freiheit kämpfen, sondern das Angebot dort nutzen wollen zu dem Preis, den mal eben dafür bezahlt. Das meine ich wertfrei. „Jedem Narr soi Kapp“ heißt es ja.

Sicherheit und Freiheit gehen oft nicht gleichzeitig….

Und Freiheit gibt man Menschen, wenn man sie liebt. 

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